Unbedingt

Van Gogh und Gauguin im gelben Haus

24.12.1888. Völlig übernächtigt kommt Paul Gauguin morgens nach Hause, wo er von der Polizei verhaftet und an das Bett Vincent van Goghs geführt wird, der bewusstlos und halb verblutet daliegt. Was war am Vorabend zur Weihnacht 1888 geschehen? Der Roman zeichnet eine Begegnung, die heute als eine Sternstunde der Kunstgeschichte gilt, in ihrer ganzen Dramatik nach. Es geht um die Suche nach der modernen Malerei, um Freundschaft und Rivalität, und um ein dunkles Geheimnis, das beide Maler mit dem Ende der Nacht vor Heiligabend teilen sollten. Im Zentrum steht der unbedingte Freiheitswille zweier grundverschiedener Charaktere, vereint in ihrer Auflehnung gegen die Konventionen einer aus den Fugen geratenen Welt zum fin de siècle.


Print-Ausgabe:
Bernstein Verlag
E-Book-Ausgabe:
edel & electric
Genre:
Roman
Seitenzahl:
370 Seiten
ISBN:
978-3-95537-108-1 (Print)
978-3-95537-117-3 (E-Book)
Preis:
17,95 Euro [D] / 4,99 Euro [D]
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Ein heftiger Schlag gegen das Brustbein ließ Gauguins Herz aussetzen und während er zu begreifen suchte, was geschehen war, stutze er vor dem jungen Mann, der auf seinem Schoß saß. Dieser trug einen roten Hut auf seinem Kopf, schaute Gauguin an und wirkte nicht minder überrascht. "Wo ist mein Koffer, Monsieur?" Mit diesen Worten drang der Geruch billigen Weins mit solcher Heftigkeit in Gauguins Nase, dass er das Gesicht abwenden musste. "Ist die Kleine schüchtern?" hörte und roch Gauguin ihn als nächstes sagen, gefolgt von schallendem Gelächter uniformierter Männer, die einen Halbkreis um die beiden gebildet hatten. Der Rothut fuhr ihm mit dem Handrücken liebkosend über die linke Wange. Gauguin stieß ihn mit solcher Wucht von sich weg, dass der Soldat seinen Hut verlor und gegen die aufschreiende Mutter und ihr Kind prallte. Polternd fiel er zu Boden und zog das Kind mit sich. Gauguin erhob sich und schob das schreiende Kind beiseite, packte den Mann vor der Brust am Revers und zog ihn zu sich nach oben, direkt vors Gesicht. Bevor er nur ein Wort zu dem Betrunkenen sagen konnte, ließ ihn ein Schlag auf den Mund zurücktaumeln. Während er das Blut auf seinen Lippen schmeckte, blickte er sich rasch um und machte genau drei weitere Männer mit rotem Hut um ihn herum aus. Einer der Soldaten, er trug einen Schnauzer, stellte sich zwischen die beiden Kontrahenten: "Haben Sie nicht verstanden, worum Sie der Herr gebeten hat, Monsieur? Dieser Monsieur, mein ehrenwerter Freund und stolzer Zouave, sucht seinen Koffer." Gauguin dachte kurz nach, kam aber zu dem Schluss, dass er gegen die vier nichts ausrichten konnte, weshalb er antwortete: "Ich weiß nicht, wo der Koffer Ihres Kameraden ist. Ich weiß nur eines, dass ich von ihm Rechenschaft fordere. Es ist eine Sache zwischen ihm und mir." "Schau an, die Süße will sich messen. Sébastien, die Süße will was von dir." Der jüngste der Soldaten, den Hut wieder aufsetzend, hatte sich inzwischen wieder einigermaßen gesammelt und wandte sich schwankend zu Gauguin: "Madame, mit Verlaub, ich habe den Eindruck, Ihr Bart ist mir doch etwas zu grob." Die anderen Soldaten lachten wieder und klopften ihm auf die Schulter. Gauguin ließ die Augen im Winkel kreisen und rechnete sich seine Chancen im Kampf aus. Sie waren erschreckend gering. Er spannte kurz alle Muskeln seines Körpers, lehnte sich dann lässig gegen die Wagonwand und parierte: "Und bei Ihnen Monsieur Sébastien, habe ich, mit Verlaub, den Eindruck, dass Ihre bisherigen Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht weniger von praktischer Natur waren, wenn Ihnen die Unterscheidung noch so schwer fällt." Gauguin hatte keine Lacher auf seiner Seite. Die Soldaten blickten jetzt gebannt auf Sébastien, dessen Kopf, als er bemerkte, in welche Situation er geraten war, den gleichen Farbton annahm wie sein Hut. Er wusste, ebenso wie Gauguin, dass es kein Zurück mehr gab, denn die Entscheidung wurde ihnen von den erwartungsvollen Blicken der Kameraden genommen. Urplötzlich war der Rausch seinem Gesicht entschwunden und es war zu beobachten, wie die Maschinerie seines Verstandes wieder einzuset-zen begann. Offensichtlich schien er nach wenigen Sekunden zu einer zufriedenstellenden Lösung des Problems gelangt zu sein, denn ein schiefes Grinsen ließ seine Mundwinkel kurz aufzucken, bevor sie wieder ernst und ruhig wurden und er seinerseits parierte: "Monsieur mögen sich ja auf die Empirie verstehen, aber die Ratio scheint Ihnen fremd zu sein, denn wenn Sie zählen könnten, würden Sie Ihren Mund nicht so weit aufmachen." Fluchtartig verließen nun einige der umliegenden Fahrgäste den Ort des Geschehens, wobei sich manche auch zwischen den Kontrahenten nach draußen drängen mussten. Gauguin wurde dadurch in die Ecke des Abteils gedrückt, wo er sich schnell wieder gegen die Wand lehnte und dann betont entspannt sagte: "Ich denke, Monsieur, dafür brauche ich nur bis Eins zählen. Und das zweimal. Eins gegen Eins. Das wäre eines freien Mannes würdig, denken Sie nicht?" Der junge Soldat wurde mit einem Mal ganz bleich. Gauguin setzte nach: "Wenn ich mich nicht täusche, Monsieur, kommen wir jeden Moment in Lyon an. Dort findet sich dann sicher ein stiller Fleck, an dem der Ehre genüge getan werden kann, denken Sie nicht auch?" Gauguin erhielt keine Antwort. Sébastiens Kameraden zeigten ebenfalls keine Reaktion. Der Maler fühlte, er gewann Oberwasser und während er sich ein Stück aus seiner Ecke heraus bewegte, wandte er sich der Gruppe zu: "Na Ihr Süßen, ist die Kleine ein wenig schüchtern?" Während alle vier gleichzeitig auf ihn stürzten, griff Gauguin blitzschnell hinter seinen Seesack und zog seinen Degen hervor. Unvermittelt erstarrte die ganze Gruppe. Gauguin zog eine Pirouette durch die Luft, die direkt vor der Brust des schnauzbärtigen Soldaten endete. Mit einer schnellen Bewegung drückte sich die Spitze des Degens leicht in die Uniform und alle wichen einen Schritt zurück, wobei der Schnauzbärtige selbst zu seinem Degen griff, Gauguin aber schnell reagierte, die Spitze des seinigen an dessen Kehle führte und sagte: "Ich glaube Messieurs, der Koffer Ihres Freundes befindet sich in einem anderen Wagon. Und da wir bald ankommen, wäre es wohl besser Sie würden ihn suchen, nicht wahr?" Der Schnauzbärtige hob die Hände, ging einen Schritt zurück und gab mit einer Geste des Kopfes das Kommando zum Rückzug an seine Kameraden. Gauguin wartete bis die Soldaten den Wagon verlassen hatten, griff schnell nach seinem Seesack und begab sich zur nächsten Wagontüre. Die Leute, die sich schon erhoben hatten und sich um den Ausgang drängten, um der Rauferei aus dem Weg zu gehen, machten Platz und ließen ihn passieren. Gauguin grinste sie übers blutige Gesicht an und fühlte sich lebendig. So stand er breitschultrig und einen halben Kopf kleiner als die Männer um ihn, den Seesack unachtsam mit der rechten Hand über die Schulter haltend, die linke auf dem Knauf seines Degens ruhend, zwischen den Reisenden. […] Am Bahnhof in Arles angekommen, schlug es gerade halb fünf Uhr morgens. Zu früh, um zu van Gogh zu gehen. Gauguin hatte eisern und in aller Höflichkeit darauf bestanden nicht abgeholt zu werden, um, wie es seine Gewohnheit war, Fühlung mit dem neuen Ort aufzunehmen. Leider musste er aufgrund der Soldaten den Bahnhof schneller verlassen als gewollt und bedauerte es nun ein wenig, sich nicht doch per Telegramm angemeldet zu haben. Andererseits wolle er den Bruder seines Gönners nicht aus dem Schlaf reißen. Er strich lustlos durch die Straßen unweit des Bahnhofs und entdeckte ein Nachtcafé. Es war das einzige Gebäude, aus dem noch Licht durch die Fenster drang und so trat er ein. Es war ein Nachtcafé, wie es viele in Paris gab und die scheinbar auch in der Provinz in Mode kamen. Ein Ort mit Musik, Wermut, illegaler, aber tolerierter Prostitution und je nach Wunsch ein wenig Gesellschaft oder Einsamkeit. Mit einem Wort, genau das, wonach ihm verlangte. Nach dem Betreten war klar, das Café de la Gare stand den üblichen Nachtcafés in nichts nach. Es bestand aus einem einzigen Raum, dessen Wände über einer hellbraunen Holzvertäfelung in einem kräftigen Rot gehalten waren, während die Decke in einem dunklen Grün komplementär abstach. Von dort hingen große Lampen in den dichten Rauch herab und verbreiteten ein diffuses, schummriges Licht. Das Publikum bestand, wie erwartet, aus Nachtschwärmern aller Art: Trinkern und Betrunkenen sowie Dirnen und Freiern, die an abgelegenen Tischen beieinander saßen, flirteten und um den Preis feilschten. Musik, die eigentliche Attraktion dieser Lokalitäten, wurde nicht mehr gespielt. Eigentlich ganz passabel für ein Provinznest wie Arles, dachte Gauguin bei sich. Natürlich hatte er während seiner Matrosenlaufbahn ganz andere Etablissements kennen gelernt, auch fehlten der Charme und der Glanz, den Paris selbst noch in seinen verruchtesten und schmutzigsten Ecken besitzt. Aber es war schon etwas. Und so bestellte er, als ihn eine attraktive, ein wenig in die Jahre gekommene Dame, wahrscheinlich die Kuppelmutter des Cafés, nach der Bestellung fragte, einen Absinth, steckte sich eine Zigarette an und war zufrieden. Ihm schwante nichts Gutes, als die Kuppelmutter zusätzlich zu seinem Absinth noch einen älteren Mann mit an seinen Tisch brachte. Beide musterten ihn, während sie auf ihn zukamen und sprachen leise miteinander. Während sie servierte, sagte der Mann: "Ja, es ist der Freund", worauf sich die Frau als Madame Ginoux vorstellte. Es stellte sich schnell heraus, dass van Gogh ihnen das Selbstporträt als Jean Valjean, das er einige Wochen vor seiner Abreise nach Arles geschickt, gezeigt hatte. Der Mann, Joseph Ginoux, wie Gauguin erfuhr, nachdem er ihm die Hand geschüttelt hatte, zeigte sich nicht sonderlich beeindruckt und verschwand, ohne ein weiteres Wort zu verlieren, wieder in einen Raum am Ende der Bar, der nur durch einen Vorhang abgetrennt war. Madame Ginoux hingegen erkundigte sich, ob Gauguin eine angenehme Reise gehabt hätte und die beiden hielten ein wenig Konversation, bis sie an einen anderen Tisch gerufen wurde. Sie versprach noch, ihn später zu Vincents Haus zu führen, dann nahm sie die anderen Bestellungen auf. Gauguin lehnte sich zurück und nahm einen Schluck Absinth. Dann hatte der Holländer also der halben Stadt sein Selbstporträt gezeigt! Er fand sich erstaunt, aber nicht verärgert. Im Gegenteil, es konnte von Nutzen sein. War Vincent van Gogh tatsächlich schon so vernarrt in ihn, dass er mit dem Selbstporträt seines ?Freundes? eine Prozession in den Straßen von Arles abhielt? Zwar hatte Gauguin alles Erdenkliche dafür getan, die brieflichen Beschreibungen seines Selbstporträts mit den Ideen, welche van Gogh regelmäßig per Post schickte, in Einklang zu bringen, um der Wirkung seiner Selbstdarstellung doch ein wenig an Härte zu nehmen. Doch genau besehen war das Selbstporträt eine drastische Antwort auf die überschwängliche Romantik van Goghs gewesen. Es war ein Schlag mit dem harten Knüppel der Realität. Die Worte der vorausgegangenen Briefe sollten den Schlag dann doch ein wenig abfedern und eigentlich hätte es ihrer nicht bedurft, dachte Gauguin im Nachhinein, denn als er im Gegenzug das Selbstporträt van Goghs per Post erhalten hatte, bedauerte er mit besagtem Knüppel nicht zweimal draufgeschlagen zu haben. Dieser niederländische Schöngeist hatte sich im dreiviertel Profil gemalt, wobei sich sein kurz geschorener Schädel scharf umrissen von einem monochromen, hellgrünen Hintergrund abhob. Er trug ein weißes, kragenloses Hemd, dessen oberstes Knopfloch von einem runden, grünroten, und golden umrahmten Schließknopf zusammengehalten wurde. Darüber eine dunkelbraune, geschlossene Weste und einen goldbraunen, offenen Mantel. Sein penibel gestutzter Vollbart nahm die Farben des kurz geschorenen, bräunlichen Kopfhaares und des Mantels in einem hellen Goldrot wieder auf. Die goldbraunen Augen des asiatisierten Gesichts verloren sich dabei in einer unbestimmten Ferne. Vielleicht blickten sie in Richtung Japan, denn van Gogh fühlte sich seit seiner Ankunft in Arles vollends als Japaner. Die Entschlossenheit des holländisch-buddhistischen Mönches traf in ernstem Stolz auf das freudige Hellgrün des Hintergrunds und verlieh dem Selbstporträt dadurch eine kraftvolle, aber auch feinfühlige und demütige Zuversicht. Van Gogh selbst schrieb in einem seiner langen Briefe, das Selbstporträt zeige ihn als japanischen Bonzen, einen buddhistischen Mönch, der in Einsamkeit und Meditation zum Leben stehe, denn er wolle nichts als ein Malermönch sein. Gauguin beschloss, den romantischen Mönch zu missionieren.

∗∗∗

Vincent van Gogh hatte die Nacht über kaum geschlafen. Seine Pfeife rauchte ab vier Uhr morgens wieder und hatte seither kaum Gelegenheit, sich abzukühlen. Das Warten auf Gauguin würde also heute ein Ende finden. Immer wieder ging er durch das Haus und betrachtete das Gemäldeprogramm mit dem er die Räume ausgestaltet hatte. Wahrlich ein Gesamtkunstwerk. Sein einziger Zweck: die Ankunft Gauguins. In langen Briefen hatte er diesem das Programm erläutert. Von den Reproduktionen Monticellis und Delacroix, die er zur Inspiration in den Atelierräumen aufgehängt hatte, über die Möblierung, bis hin zum weihevollen Crescendo: vier Dichtergärten, begleitet von vier Sonnenblumengemälden, im Zimmer des Meisters Gauguin. Der kam keinen Tag zu früh. Sechs Monate musste er auf ihn warten, aber er wusste diese Zeit zu nutzen und nun war im gelben Haus alles bereit. Er war bereit. Wie er gerade am Tisch saß und die weiß Gott wievielte Pfeife rauchte. Die letzten Tage waren von Vorfreude durchdrungen, und in Arbeit getränkt gewesen. All seine Kraft und auch noch das letzte Geld wurden für die décoration von Gauguins Zimmer verwendet. 23 Tassen Kaffee, Brot auf Kredit und ein Beutel Tabak hatten ihn dabei im Leben gehalten. Das Wetter musste so lange wie möglich genutzt werden. Das hatte ihn der Einbruch des letzten Winters gelehrt. Also hatte er gearbeitet. Bei Gott, ein Jahr hatte er geschuftet und jetzt würde er die Früchte dafür ernten. Was war er damals in Paris für ein Dilettant gewesen, als er Gauguin das letzte Mal gesehen hatte. "Damals in Paris" – und dabei lag gerade ein knappes Jahr zwischen dem heutigen Tag und seiner Flucht aus der Stadt. Hier in Arles hatte er nicht nur die Einsamkeit, sondern auch die Genesung gefunden. Ja, er war ein Wrack gewesen, als er Paris verlassen hatte. Die Betriebsamkeit der Metropole, mit ihren aufgeräumten Boulevards, ihren gottlosen Gassen und vereinsamten Kirchen war nicht der richtige Ort für die Aufgabe, die ihm als Künstler zu erfüllen aufgegeben war. Ja, er hatte eine Aufgabe, auch das hatte er nun erkannt. Und auch Gauguin würde das erkennen müssen. Ein Jahr war er malend in den Feldern um Arles gestanden. Jeden Tag brannte ihm die Sonne auf den Kopf und der Wind peitschte ihm ins Gesicht. Aber er hatte gelernt, die Hitze zu ertragen. Er hatte gelernt, die Leinwand im Boden zu verankern, auf dass der Mistral sie nicht mitriss. Und er hatte gelernt, die Farben des Südens zu sehen, obwohl es ihm beinahe die Augen ausbrannte. Drei Tage war er annähernd blind gewesen, denn täglich flammte die gleißende Sonne in seinen Augen und täglich vollendete er ein Gemälde. Kein Œuvre versteht sich, aber doch immerhin ein Gemälde; Etappen auf dem Weg zum Œuvre. Keiner kann heute mehr ein Œuvre schaffen, denn keiner hatte bisher die Aufgabe gelöst, die Émile Zola mit einem großen Fragezeichen stehen ließ. Dennoch, er war der Lösung ein Stück näher gerückt und Gauguin würde dies erkennen müssen. Ein Jahr unter der sengenden Sonne von Arles hatte ihm die Krankheit aus dem Kopf gebrannt. Als er von Paris aufgebrochen war, war er ein Säufer gewesen, bei schlechter Konstitution und bedrängt von den Ideen anderer. Er hatte seine Kunst nicht mehr von den Einflüssen auf ihn trennen können. Hier konnte er meditieren und hatte dabei gewogen, gemessen und verworfen – oder behalten. Jetzt stand ein anderer Vincent van Gogh vor dieser Welt. Unter der Sonne von Arles wurde aus ihm ein Maler. Er malte nicht mehr nach der Natur, nein, er malte die Natur. Und er malte mit der Natur, denn der Mistral und die Sonne hatten ebenso Anteil an seinen Gemälden wie er selbst. Der Wind peitschte Sand auf die Leinwand und er dankte ihm für diesen Hilfsdienst. Die Sonne ließ die Farben schnell trocknen und er dankte ihr für dieses Drängen. Die Natur war hier keine gnädige Lehrerin. Aber hatte er Gnade erbeten? Nein. Heilung. Und die hatte er erfahren. Er als Künstler krankte mehr als alle anderen Menschen an dieser Zeit – und kann ein Kranker die Kranken heilen?

… Es hat seinen Preis, allein zu sein. Frei zu sein. Sehen Sie, die deutschen Philosophen haben da ein anderes Wort für frei, sie sagen unbedingt, das heißt, etwas ist nicht durch etwas anderes bedingt außer sich selbst. Das ist Freiheit. Ich glaube, es liegt in unserem Charakter, uns durch nichts und niemanden bedingen zu lassen, aber genau das ist geschehen.

(Auszug aus dem Roman)

Jürgen Volk, geboren 1980 im Nördlinger Ries, ist in Berlin unter anderem als Lektor und Autor tätig. Weiter promoviert er derzeit am Seminar für Allgemeine Rhetorik der Universität Tübingen. Vorangegangen sind eine Ausbildung zum Kaufmann im Groß- und Außenhandel, die Allgemeine Hochschulreife und das Studium der Allgemeinen Rhetorik, Kunstgeschichte und Philosophie. Parallel zum Studium arbeitete Jürgen Volk bis zu seinem Frankreichaufenthalt in verschiedenen Tätigkeitsbereichen am Landestheater Tübingen und kurzzeitig am Stadttheater Heidelberg (u.a. als Regiehospitant, Assistent und Abendspielleitung). Während seines Aufenthalts in Paris studierte er für zwei Semester an der Ecole pratique des hautes études/Sorbonne und war Praktikant in der Ausstellungsorganisation des Centre Pompidou Paris (Traces du sacré). Nach seinem Studium war Jürgen Volk als Volontär und als Bereichsleitung Marketing- und Vertrieb in der Verlagsbranche tätig, stellte die Weichen dann aber neu und siedelte 2011 nach Berlin über, wo es zur Hauptniederschrift von »Unbedingt« kam.